
Als Mr P sich verabschiedet hatte, blieb ich noch lange auf der Veranda sitzen und dachte über mein Leben nach. Was zum Henker sollte ich jetzt machen? Es kam mir vor, als hätte mir das Leben gerade ordentlich in den Arsch getreten.
Ich war heilfroh, als Mom und Dad endlich von der Arbeit kamen.»He, Großer«, sagte Dad.
»Hallo Dad, hallo Mom.«
»Was machst du denn für ein trauriges Gesicht, Junior?«, fragte Mom. Sie kannte mich schon.
Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte, also fing ich gleich mit der größten Frage an.
»Wer hat die meiste Hoffnung?«, fragte ich.
Mom und Dad sahen einander an. Sie sahen sich tief in die Augen, als hätten sie Antennen, mit denen sie Funksignale austauschten. Dann sahen sie wieder mich an. »Jetzt sagt schon. Wer hat die meiste Hoffnung?«
»Die Weißen«, sagten meine Eltern wie aus einem Mund.
Genau das hatte ich erwartet, deshalb sagte ich etwas, das sie völlig überraschte: »Ich will die Schule wechseln.« »Willst du auf die Hunters?«, fragte Mom.
Die Hunters ist eine andere Schule am westlichen Ende des Reservats, auf die lauter arme Indianer und noch ärmere weiße Kinder gehen. Ja, es gibt tatsächlich einen Ort auf der Welt, wo die Weißen noch ärmer als die Indianer sind.
»Nein«, sagte ich.
»Willst du auf die Springdale?«, fragte Dad.
Die Springdale ist eine Schule am Rand des Reservats, auf die die ärmsten Indianer und die allerärmsten weißen Kinder gehen. Ja, es gibt tatsächlich einen Ort auf der Welt, wo die Weißen sogar noch ärmer sind, als man es sich vorstellen kann.
»Ich will nach Reardan«, sagte ich.
Reardan ist die reiche, weiße Farmerstadt inmitten von Weizenfeldern, genau fünfunddreißig Kilometer vom Reservat entfernt. Und vermutlich ist es ein elendes Kuhkaff voll mit Bauern und Hinterwäldlern und rassistischen Bullen, die jeden Indianer anhalten, der dort durchfährt.
Einmal, als ich noch klein war, ist Dad in einer Woche drei Mal wegen IAS angehalten worden: Indianer am Steuer.
Aber Reardan hat eine der besten kleineren Schulen im ganzen Staat Washington, mit einem Computerraum, einem riesigen Chemielabor, einer Theatergruppe und zwei Basketball-Hallen.
Die Schüler von Reardan sind die schlauesten und sportlichsten überhaupt. Sie sind die besten.
»Ich will nach Reardan«, wiederholte ich. Ich konnte selber kaum glauben, dass ich das sagte, denn es kam mir ungefähr so realistisch vor, als würde ich sagen: »Ich will zum Mond fliegen.«
»Bist du sicher?«, fragten meine Eltern.
»Ja.«
»Wann willst du denn dahin?«, fragten meine Eltern.
»Sofort. Morgen.«
»Bist du sicher?«, fragten meine Eltern. »Vielleicht solltest du lieber bis zum Halbjahresende warten. Oder bis nächstes Jahr. Noch mal von vorn anfangen.«
»Nein, wenn ich jetzt nicht gehe, schaffe ich es nie. Ich muss es sofort durchziehen.«
»Na schön«, sagten meine Eltern.
Tja, so einfach war das mit meinen Eltern. Fast so, als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich sie darum bitte, nach Reardan wechseln zu dürfen, als wären sie Hellseher oder so was.
Sie haben ja seit jeher gewusst, dass ich irgendwie seltsam und ehrgeizig bin, von daher erwarten sie vielleicht die seltsamsten Einfälle von mir. Und nach Reardan zu gehen, ist ein abwegiger Einfall. Aber es ist nicht abwegig, dass meine Eltern meinen Plänen so schnell zustimmen. Sie wollen, dass meine Schwester und ich es einmal besser haben. Meine Schwester läuft weg, um irgendwo verloren zu gehen, aber ich laufe weg, um etwas zu finden. Und meine Eltern lieben mich so sehr, dass sie mir dabei helfen wollen. Doch, das stimmt! Dad ist ein Alki und Mom ist eine Ex-Alki, aber sie wollen nicht, dass ihre Kinder auch Alkis werden.
»Ein Wechsel nach Reardan dürfte nicht leicht sein«, meinte Dad. »Dorthin zu ziehen ist zu teuer. Und hier draußen holt dich kein Schulbus ab.«
»Du wärst der Erste, der das Res auf diese Art und Weise verlässt«, sagte Mom. »Die Indianer hier werden ziemlich sauer auf dich sein.«
Au Backe! Bestimmt binden mich meine Stammesbrüder und -schwestern an den Marterpfahl und foltern mich.
Auszug aus ›Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers‹ von Sherman Alexie, dtv 2009
